[Zurück zur Trefferliste]

Veränderte Inanspruchnahme stationärer Rehabilitationsbehandlungen von Kindern und Jugendlichen in der Deutschen Rentenversicherung

Untersuchung möglicher Ursachen in der Zuweiserkette und der Akzeptanz der Angebote

 

Projektkennung VfD_14_003510
Laufzeit von 04/2014 bis 07/2015
Webseitehttp://www.zbv.uni-luebeck.de/index.php?id=120
Status des Projekts abgeschlossen

 

Projektbeschreibung

Fragestellung(en) Demographische Veränderungen, kulturelle und soziale Entwicklungen haben die Anforderungen an die Gesundheitsversorgung in den westlichen Ländern stark verändert. Die Prävalenz chronischer Erkrankungen und Behinderungen im Kindesalter steigt einerseits durch längere Überlebenszeiten bei verbesserter medizinischer und pflegerischer Versorgung, andererseits verändern sich auch die Inzidenzen bestimmter Erkrankungen durch gesundheitspolitische und präventive Maßnahmen.

Die Deutsche Rentenversicherung ist der Kostenträger von jährlich ca. 30.000 stationären Rehabilitationsmaßnahmen für Kinder und Jugendliche mit chronischen Gesundheitsstörungen. Trotz evidenzbasierter, qualitätsgesicherter und familienorientierter Angebote wird bei gleichbleibender oder steigender Prävalenz chronischer Gesundheitsstörungen ein Rückgang der Reha-Inanspruchnahme beobachtet. Die Studie dient der Ermittlung der möglichen Ursachen dieser Entwicklung.
Hintergrund / Ziele Die Ergebnisse der Studie sollen dazu dienen, die Reha-Angebote zu flexibilisieren, um auf bisher nicht erfüllte Bedürfnisse besser eingehen zu können und um Barrieren im Reha-Zugang abzubauen. Insbesondere geht es darum, Chancen- und Versorgungsgerechtigkeit für Kinder und Jugendliche mit chronischen Gesundheitsstörungen zu erhalten und zu verbessern.

Die Studienergebnisse beschreiben wahrgenommene Mängel in der Prozessqualität von Reha-Maßnahmen und strukturelle Barrieren im Zugang zu den Angeboten. Dazu gehört auch die Beschreibung der Integration der Angebote der stationären Rehabilitation in das bestehende Versorgungsnetz für Kinder und Jugendliche mit chronischen Gesundheitsstörungen aus Sicht der Zuweiser und der Nutzer. Konkret wird erwartet, dass die Ergebnisse der Studie die Grundlage für Weiterentwicklungen in folgenden Bereichen liefern:

- Optimierung des Antragsverfahrens durch ein niedrigschwelliges Beratungsangebot für Ärzte und für Familien
- Veränderte Form der Informationsvermittlung, Kommunikation oder Kooperation zwischen den an der Versorgung chronisch kranker Kinder und Jugendlichen beteiligten Akteuren
- Anpassung der Reha-Konzepte bzw. Erprobung neuer Interventionen unter Berücksichtigung aktueller epidemiologischer Entwicklungen, der Möglichkeiten und Defizite der ambulanten Versorgung und der Erwartungen der Familien / Ärzte
Methodik Es handelt sich um eine qualitativ ausgelegte Studie. Angehörige folgender Zielgruppen werden im Rahmen qualitativer Einzelinterview untersucht: (1) niedergelassene Kinder- und Jugendärzte, (2) Kinder- und Jugendärzte in Spezialambulanzen (z.B. Diabetes- oder Adipositas-Sprechstunden oder -Schulungen, (3) Ärztliche Leiter von 3 Reha-Einrichtungen für Kinder-und Jugendliche (4) Mitarbeiter der DRV (5) Eltern von Kinder/ Jugendlichen mit Rehabilitationsbedarf, die bisher keinen Reha-Antrag gestellt haben (6) Jugendliche (ab 11 J.) mit Rehabilitationsbedarf.
Gemäß den Grundsätzen qualitativer Forschungsmethoden wird darauf geachtet, eine möglichst große Heterogenität der Studienteilnehmenden in Hinblick auf vorher festgelegte Kriterien zu erreichen. Bei den Kinder- und Jugendärzten/innen handelt es sich beispielsweise um: Häufigkeit, mit der sie Anträge für eine stationäre Rehabilitation stellen, Erfolgsquote, Einschätzung des eigenen Informationsstandes in Hinblick auf stationäre Rehabilitation. Bei der Rekrutierung von Familien sollen folgende Kriterien berücksichtigt werden: Familienstruktur (Zweielternfamilien und Alleinerziehende, Anzahl der Kinder), sozialer Status der Familie, Migrationsbiographie, Alter der Kinder, Erkrankung/en der Kinder. Die Auswertung orientiert sich an der „Qualitativen Inhaltsanalyse“, die von Phillip Mayring entwickelt wurde (Mayring 2010). Ein initiales Basis-Set von Kodierungen (deduktiv aus der Fragestellung abgeleitet) wird dabei im Laufe des Kodierungsprozesses induktiv (datengeleitet) ergänzt und überarbeitet und ein finales System an Kodes entwickelt, mit welchem alle Interviews verkodet und strukturiert werden. So kann das Material zu bestimmten Themen und Inhaltsbereichen übersichtlich zusammengefasst werden, es handelt sich um eine „inhaltliche Strukturierung“.
Datenbasis Primärdaten
   Interview (Face to face)  (Stichprobengröße: 46)
Studiendesign Querschnittstudie
qualitative Studie
Untersuchte Geschlechter weiblich und männlich
Untersuchte Altersgruppen von 2 bis 18 Jahre
Ergebnisse Interviewt wurden a) 3 Klinikleiter von Kinder- und Jugendreha-Einrichtungen b) 4 Mitarbeiter/innen der DRV c) 13 Kinder- und Jugendärzte/innen b) 2 Hausärzte c) 14 Eltern von Kindern/ Jugendlichen mit nachgewiesenem Reha-Bedarf und f) 10 Jugendliche mit nachgewiesenem Reha-Bedarf (ab 11 Jahren).
Die Ergebnisse weisen auf vielfältige Barrieren hin, die eine Beantragung und Inanspruchnahme stationärer Reha-Maßnahmen entgegen wirken bzw. diese verhindern
Aufseiten der Ärzte sind die maßgeblichen Barrieren:
- Fehlendes Wissen über Indikationen, Verfahrensabläufe, Rahmenbedingungen, konkrete Angebote/ Kliniken
- Frustration durch hohe Ablehnungsquote; intransparentes Verfahren; geringe Effekte; mangelnde Motivation Familien
- Aufwand bei der Antragstellung (bei geringer Vergütung)
- die geringe Relevanz des Thema Rehabilitation im Praxisalltag („Denke einfach nicht dran“)
- Einschätzung, dass eine stationäre Reha aufgrund des guten ambulanten Angebotes (und der problemlosen Beantragung von Mutter-/Vater-Kind-Kuren) überflüssig ist
- Inhaltliche Kritik/ Kritik am Konzept der Reha (kein familienzentrierter Ansatz))
maßgebliche Barrieren auf Familienseite:
- Fehlendes Wissen (Sinn und Zweck der Reha, Indikationen, Verfahrensabläufe, Rahmenbedingungen, konkrete Angebote/ Kliniken)
- Organisatorische & berufliche Barrieren (Arbeitszeiten, Versorgung Geschwisterkinder & Haus)
- Angst vor Schulversäumnis
- Inhaltliche Kritik/ Kritik am Konzept der Reha (kein familienzentrierter Ansatz, Vernachlässigung des „Wohlfühl“- und „Erholungs“-aspektes)
- Soziale und kulturelle Barrieren
- Aufwand Antragstellung

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass
- die bestehenden Angebote einer stationären Rehabilitation im Kinder- und Jugendbereich wenig passgenau sind und an den Bedürfnissen der Familien als auch an den von den Ärzten genannten Zielen oftmals vorbei gehen. Sowohl Eltern als auch Ärzte wünschen sich einen familienorientierten, flexiblen und ganzheitlichen Ansatz.
- sich deutliche Wissensdefizite zeigen, die als Zugangsbarrieren fungieren. Empfohlen wird den Rentenversicherungsträgern der Aufbau eines leicht zugänglichen Netzes von Reha-Service- und Beratungsstellen, an die sich Familien und Ärzte mit ihren Fragen wenden können und in denen sie konkrete Auskunft und Unterstützung bekommen. neben diesen Anlaufstellen sollten aufsuchende Informations- und Beratungsangebote installiert werden.

Forschende und kooperierende Einrichtungen

Projektverantwortliche

Förderung

Veröffentlichungen

Schlagwörter

 

Stand: 17.09.2015