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Vorbereitung auf die Reha: Was wissen Rehabilitanden über die Rehabilitation? Kenntnisstand, Zugangswege und Optimierungsstrategien

 

Projektkennung VfD_11_001866
Laufzeit von 01/2011 bis 12/2013
Webseitehttp://www.zbv.uni-luebeck.de/index.php?id=87
Status des Projekts laufend

 

Projektbeschreibung

Fragestellung(en) In dieser Studie geht es darum, was Rehabilitanden vor der Reha über die Reha wissen sollten, was sie tatsächlich wissen und woher sie dies Wissen beziehen, wie man den Wissenserwerb verbessern kann und welche Auswirkungen verbessertes Wissen auf Patientenzufriedenheit, Rehaziele und gesundheitsbezogene Aktivitäten nach Abschluss der Reha hat. Diese bedeutsamen Aspekte der Rehabilitation wurden bisher nicht untersucht.
Folgende Hypothesen sollen geprüft werden:
Rehabilitanden sind nur unzureichend über rehaspezifische Themen informiert, die von Ex-perten und von ihnen selbst für relevant gehalten werden. Erläuterungen: Diese Themen betreffen die grundsätzlichen Ziele einer Rehabilitation, ihre wesentlichen Inhalte und Methoden, die Notwendigkeit nachgehender Aktivitäten, die im Allgemeinen zu erwartenden Ergebnisse sowie mögliche sozialmedizinische Konsequenzen. Ferner gehören zu den relevanten Themen Informationen über finanzielle Regelungen, organisatorische Abläufe und klinikspezifische Besonderheiten.
Solche Informationen sind für Rehabilitanden schwer zu bekommen oder schwer zu verstehen. Erläuterungen: Naheliegende Informationsquellen sind Hausärzte, Gemeinsame Servicestellen sowie Leistungsträger und -erbringer. Klinische Eindrücke und unsystematische Beobachtungen lassen vermuten: Die existierenden Informationsquellen sind in Hinblick auf inhaltliche Relevanz, Verständlichkeit, Nützlichkeit und Erreichbarkeit nicht ausreichend patientenorientiert. Viele Hausärzte geben anscheinend nur spärliche oder unzutreffende Auskünfte, die Servicestellen sind bei Rehabilitanden wenig bekannt. Die Rentenversicherung hat unter anderem zwei Broschüren herausgegeben, die sich ohne erkennbaren Grund inhaltlich überschneiden und in Rehabilitanden-Fokusgruppen als „zu lang“ beurteilt wurden. Beim Informationsmaterial der Kliniken stehen oft werbliche Gesichtspunkte im Vordergrund.
Es lassen sich Formen und Wege der Informierung entwickeln, die bei den Rehabilitanden zu mehr Kenntnissen, realistischeren und aktivitätsorientierten Zielen, zu mehr Zufriedenheit mit der Vorbereitung auf die Rehabilitation und mehr Engagement für gesundheitsbezogene Aktivitäten nach der Reha führen. Erläuterungen: Wenn Rehabilitanden über wesentliche Inhalte und Ziele der Rehabilitation, insbesondere auch über die nötige Eigenaktivität, zutreffend informiert und dadurch besser vorbereitet in die Reha kommen, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit konstruktiver Mitarbeit und die Bereitschaft, Nachsorgeaktivitäten aufzunehmen oder beizubehalten. Mögliche Verbesserungen beziehen sich auf

• die Verfügbarkeit von Informationen: Bisher erhalten Rehabilitanden Informationen hauptsächlich von den Leistungsträgern und -erbringern. Wenig genutzt scheinen die Möglichkeiten von Haus- und Betriebsärzten.


• den Inhalt von Informationen: Klärung, was Rehabilitanden wirklich wissen wollen. Erstellen eines Katalogs der Kernbotschaften – Informationen, von denen Fachleute glauben, dass sie Rehabilitanden vor der Reha vermittelt werden sollten.


• die Verständlichkeit: Informationen müssen deutlich verständlicher und ansprechender formuliert werden. Prinzipiell sollten Rehabilitanden mit Hauptschulabschluss in der Lage sein, den Inhalt zu verstehen.


• die Medien: Das Internet bietet neue Möglichkeiten der Informationsgestaltung, z. B. Videosequenzen mit Interviews von Rehabilitanden und Experten, Glossare in Form von Hypertextsystemen oder Foren. In der rehatypischen Altersgruppe 50-plus sind vor allem Männer online (56 % vs. 35 % bei den Frauen; Peterhans und Neubarth, 2010). Unter den berufstätigen „Best Agern“ sind es sogar über 70 Prozent. Damit bietet sich hier besonders den Männern und den Berufstätigen ein attraktiver Weg für die Vermittlung von Reha-Themen.
Die Formen und Wege der Informierung können auch für Personen mit tendenziell geringerer Gesundheitskompetenz (health literacy) attraktiv und verständlich gestaltet werden. Erläuterungen: Das Gesundheitswissen und -verhalten und die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen variieren u. a. mit dem Geschlecht und Merkmalen der sozialen Schicht (z. B. Lampert et al. 2005, Lambert und Loiselle 2007, Pignone et al. 2005, Riecher-Rössler und Bitzer 2005): Männer sind weniger überzeugt als Frauen, dass sie ihre Gesundheit durch eigene Aktivitäten verbessern können (Hessel et al. 1999), und sie interessieren sich ten-denziell weniger für Gesundheitsinformationen. Es ist also zu überlegen, wie Informationen für beide Geschlechter attraktiv gestaltet werden können. Bei Personen mit geringer Bildung können Rezeptionsschwierigkeiten vor allem durch Einfachheit und Kürze-Prägnanz der Informationen sowie durch unterstützende optische Aufbereitungen gemildert werden.
Hintergrund / Ziele Die Rehabilitation bei muskuloskelettalen Beschwerden zeigt in Ein-Gruppen-prä-post-Designs leichte bis mittlere Verbesserungen, die sich oft nur einige Monate lang nachweisen lassen. Randomisierte kontrollierte Studien fehlen. Es gibt zahlreiche Überlegungen, wie sich die Ergebnisse verbessern ließen, zum Beispiel durch systematische Indikationsstellung, Stärkung der Berufsorientierung, mehr Berücksichtigung verhaltensmedizinischer Aspekte, deutlichere Betonung des Prozesses der Rehazielfindung, eine neue Aufgabenverteilung (Höder 2012) oder ein intensiveres Bemühen um die Nachsorge. Eine weitere Möglichkeit könnte aus einer besseren Vorbereitung der Rehabilitanden bestehen.
Klinische Eindrücke sowie manche Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass einem nicht geringen Teil der Rehabilitanden eine klare Vorstellung von Inhalten, Zielen und Methoden der Reha fehlt. Diese klare Vorstellung ist aber auch nicht leicht zu haben: Wir fanden in zunächst unsystematischen Recherchen bei Leistungsträgern, Leistungserbringern und anderen Akteuren der Rehaszene kaum hilfreiches Material. Dieser Zustand könnte auf Seiten der Rehabilitanden enttäuschte Erwartungen fördern, ebenso wie unnötige Befürchtungen, unrealistische Ziele, Konflikte mit Ärzten und Therapeuten, geringes Verständnis für die Notwendigkeit von Nachsorgeaktivitäten etc. – alles Faktoren, die einem guten Reha-Ergebnis entgegenstehen könnten.

Wissenschaftliche Ziele der Studie: Überprüfen vorhandenen Informationsmaterials. Erstellen von verbessertem, inhaltlich relevantem, leicht erreichbarem und leicht verständlichem Informationsmaterial. Prüfung der Auswirkungen des neuen Materials auf die Formulierung von Rehazielen und Nachsorgeaktivitäten in einem quasi-experimentellen Design.
Ziel für die Versorgungspraxis: Wir möchten Kliniken, Leistungsträgern und anderen interessierten Stellen ein geprüftes Informationspaket zur Verfügung stellen, das Rehabilitanden besser auf die Reha vorbereitet und ihren erfolgreichen Verlauf fördert.
Methodik (1) Der Kanon des Wissenswerten wird mit Hilfe von Gruppengesprächen mit Experten und Rehabilitanden bearbeitet. (2) An einer Stichprobe von Rehabilitanden prüfen wir mit einem Fragebogen, was sie tatsächlich wissen, welche Informationsquellen ihnen zur Verfügung stehen und wie sie diese bewerten. (3) In eigener Recherche suchen wir nach Informationsquellen und (4) prüfen ihre Qualität mit Hilfe von Ratings und computergestützten Analysen. (5) Wir erstellen verbesserte Informationstexte und anderes Informationsmaterial (Quiz, Glossar, Videointerviews mit erfahrenen Rehabilitanden und Experten). (6) In einer RCT prüfen wir die Auswirkungen des verbesserten Informationsmaterials.
Datenbasis Primärdaten
   Gruppendiskussion/Fokusgruppe  (Stichprobengröße: 30)
   Experiment  (Stichprobengröße: 865)
Studiendesign Quasi-experimentelle Untersuchung
Untersuchte Geschlechter weiblich und männlich
Untersuchte Altersgruppen von 18 bis 64 Jahre
Ergebnisse 1. Fokusgruppen mit Experten und Rehabilitanden ergaben folgende Themen, über die unbedingt Informationen vorliegen sollten: Das Wesen der Reha; persönliche Rehaziele – Bedeutung und Formulierung; klinikspezifische Informationen; die Notwendigkeit der Eigeninitiative und der aktiven Mitarbeit; grundlegendes Therapiekonzept, wichtige Therapien und Beratungsmöglichkeiten; die Bedeutung wirtschaftlicher und beruflicher Fragen; Notwendigkeit und Möglichkeiten der Nachsorge.
2. In einer Befragung von 162 Rehabilitanden (Orthopädie)gaben 87 Prozent an, vor der Reha überhaupt keine nützlichen Informationen erhalten zu haben.
3. Recherchen bei den Rehaträgern, medizinischen Fachverbänden, Selbsthilfeorganisationen, Reha-Einrichtungen, Internet-Gesundheitsportalen und der Apotheken Umschau zeigten, dass schriftliche Informationen zu den o. a. Themen kaum existieren oder für Personen mit Hauptschulabschluss kaum verständlich sind.
4.Die neue Broschüre wurde von knapp der Hälfte ganz und von einem weiteren Drittel teilweise gelesen. Von den Lesern, die über einen Internetzugang verfügten (83 Prozent), besuchten 30 Prozent die Seite vor-der-reha.de, das sind 72 Personen. Von diesen schauten sich 29 einige Videofilme an. Die übrigen Elemente wurden fast gar nicht genutzt. Die Bewertung des neuen Materials nach Verständlichkeit und Nützlichkeit fiel überwiegend positiv aus. – Zwischen den Gruppen ergaben sich keine klaren, bedeutsamen Unterschiede – weder im Wissen über die Reha, noch in der Art der Rehaziele, den Nachsorgeaktivitäten oder im Ausmaß der Zielerreichung. Einzelne signifikante Befunde waren sehr gering, gingen in beide Richtungen und lassen sich im Lichte der gesamten Ergebnisse als eher zufällig deuten.

Forschende und kooperierende Einrichtungen

Projektverantwortliche

Förderung

Veröffentlichungen

Schlagwörter

 

Stand: 03.02.2015